Eine alte Kommode lässt sich mit einem selbst gebauten Aufsatz in einen Wickelplatz verwandeln. Handwerklich ist das eine überschaubare Aufgabe. Sicherheitstechnisch ist es das anspruchsvollste Möbel, das in dieser Reihe vorkommt, denn darauf liegt ein Säugling in etwa 90 Zentimetern Höhe. Diese Anleitung nennt die Maße, die einzuhalten sind, und die Punkte, an denen Sie eine Kommode aussortieren müssen, statt sie umzubauen.

Warum Stürze vom Wickeltisch so häufig sind
Der Wickeltisch ist statistisch einer der gefährlichsten Orte im Haushalt eines Säuglings. Nach einer Auswertung von Daten des Statistischen Bundesamtes gehören Stürze vom Wickeltisch zu den häufigsten Verletzungsursachen bei Säuglingen. Rund die Hälfte aller nicht tödlichen Unfälle bei Kindern unter einem Jahr sind Stürze, und der Sturz vom Wickeltisch macht davon einen erheblichen Anteil aus. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder nennt für Deutschland rund 125.000 Kinder unter fünf Jahren, die jährlich nach einem Sturz ärztliche Hilfe brauchen.
Der Ablauf ist fast immer derselbe. Ein Baby dreht sich früher, als Eltern erwarten, meist zwischen dem vierten und sechsten Lebensmonat und oft beim ersten Mal genau dann, wenn niemand damit rechnet. Der Griff zur Windel, ein Blick zur Tür, und das Kind ist weg. Aus 90 Zentimetern Höhe fällt ein Säugling wegen des schweren Kopfes fast immer voran. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie stuft mehr als 90 Prozent dieser Fälle als leichte Gehirnerschütterung ein. Die verbleibenden Fälle sind schwer.
Nie unbeaufsichtigt, auch nicht für Sekunden. Das Bundeszentrale-Portal kindergesundheit-info formuliert die Regel eindeutig: Lassen Sie Ihr Kind niemals allein auf dem Wickeltisch liegen, auch nicht, um nur kurz wegzugehen. Halten Sie bei allem, was Sie tun, immer eine Hand am Kind. Kein Aufsatz, keine Umrandung und kein Gurt ersetzen diese Regel. Wenn das Türklingeln oder das Telefon dazwischenkommt, nehmen Sie das Kind mit oder legen es auf den Boden.
Welche alte Kommode taugt als Wickelkommode?
Nicht jede Kommode ist geeignet, und die Auswahl entscheidet mehr über die Sicherheit als jede spätere Bauarbeit. Prüfen Sie die folgenden Punkte, bevor Sie das erste Loch bohren. Wenn auch nur einer davon nicht erfüllt ist, nehmen Sie ein anderes Möbel.
- Grundfläche: Die Deckplatte muss den Aufsatz vollständig tragen. Bei einer Wickelfläche von 70 mal 80 Zentimetern braucht die Kommode mindestens dieselben Außenmaße, sonst steht der Aufsatz über und kippt.
- Deckplattenstärke: Mindestens 18 Millimeter Vollmaterial oder Spanplatte. Wabenplatten und Deckplatten unter 16 Millimetern halten die Punktlasten der Aufsatzschrauben nicht dauerhaft.
- Korpuszustand: Alle Verbindungen fest, keine ausgerissenen Dübel, Rückwand vorhanden und rundum angenagelt. Eine Kommode ohne Rückwand verschiebt sich unter seitlicher Last zum Parallelogramm.
- Standfestigkeit: Drücken Sie die leere Kommode oben seitlich mit etwa 10 Kilogramm an. Bewegt sich der Korpus in sich, ist er nicht geeignet.
- Schubladenlauf: Die Schubladen müssen leicht laufen und über einen Auszugsstopp verfügen. Eine Schublade, die sich ganz herausziehen lässt, ist eine zusätzliche Gefahr.
- Tragfähigkeit: Aufsatz, Auflage und ein einjähriges Kind ergeben zusammen rund 15 bis 20 Kilogramm auf der Deckplatte. Dazu kommen kurzzeitig die Kräfte, die beim Umdrehen und Anziehen entstehen.
Alte Massivholzkommoden aus Kiefer, Buche oder Eiche sind meist die bessere Wahl als leichte Plattenmöbel. Sie sind schwerer, was der Standsicherheit hilft, und ihre Deckplatten sind fast immer stark genug. Kleinere Schäden im Korpus lassen sich vorher beheben, wie es geht, steht im Beitrag zu Reparaturen an Holzmöbeln.
Wie hoch muss die Wickelfläche liegen?
Für die Höhe gibt es zwei Anforderungen, die sich widersprechen können. Der Rücken der Eltern braucht eine Arbeitshöhe, bei der man aufrecht steht. Empfohlen wird eine Höhe der Wickelfläche zwischen 85 und 92 Zentimetern über dem Fußboden. Als Faustregel für die individuelle Anpassung gilt Ellenbogenhöhe minus 20 bis 25 Zentimeter. Eine zu niedrige Wickelfläche führt zu Dauerbelastung der Lendenwirbelsäule, weil Sie mehrere tausend Mal pro Jahr davor stehen.
Rechnen Sie diese Höhe rückwärts. Von der Zielhöhe ziehen Sie die Dicke der Wickelauflage ab, üblich sind 4 bis 5 Zentimeter, dazu die Aufsatzplatte mit 1,8 Zentimetern. Bei einer Zielhöhe von 90 Zentimetern bleiben also rund 83 bis 84 Zentimeter Kommodenhöhe. Wer diese Rechnung überspringt, landet regelmäßig bei 95 Zentimetern oder mehr, und dann ist das Kind auf dem Wickeltisch für kleinere Personen nicht mehr sicher erreichbar.
| Anforderung | Mindestwert | Besserer Wert | Quelle der Vorgabe |
|---|---|---|---|
| Tiefe der Wickelfläche | 55 cm | 70 cm | kindergesundheit-info |
| Breite der Wickelfläche | 70 cm | 80 cm | kindergesundheit-info |
| Höhe der Seitenteile | 20 cm | mehr ist besser | kindergesundheit-info |
| Höhe der Wickelfläche | 85 cm | 92 cm | kindergesundheit-info |
| Maximales Körpergewicht | 15 kg | Anwendungsgrenze | DIN EN 12221 |
| Ecken und Kanten | abgerundet | zusätzlich gepolstert | kindergesundheit-info |
Wichtig bei den 20 Zentimetern Seitenhöhe: Der Wert muss über der fertigen Liegefläche eingehalten werden, also über der eingelegten Wickelauflage. Wenn die Auflage 5 Zentimeter aufträgt, muss das Seitenteil ab der Aufsatzplatte gemessen 25 Zentimeter hoch sein. Diese Rechnung wird in vielen Anleitungen übersehen.
Material- und Werkzeugliste für den Wickelaufsatz
Der Aufsatz besteht aus einer Grundplatte, zwei Seitenteilen und einem Rückteil. Die Vorderseite bleibt offen, damit Sie das Kind ohne Hebebewegung über eine Kante erreichen. Alle Teile aus Multiplex Birke mit 18 Millimetern Stärke, weil dieses Material formstabil ist und sich sauber abrunden lässt.
| Teil | Maß in Millimetern | Anzahl | Hinweis |
|---|---|---|---|
| Grundplatte | 800 x 700 x 18 | 1 | entspricht der Wickelfläche 70 x 80 cm |
| Seitenteil | 700 x 250 x 18 | 2 | 250 mm, damit über der Auflage 200 mm bleiben |
| Rückteil | 836 x 250 x 18 | 1 | 800 plus zweimal 18 Millimeter Seitenteilstärke |
| Holzdübel | 8 x 40 | 12 | je 4 pro Verbindung |
| Spanplattenschrauben | 4,5 x 50 | 12 | Senkkopf, vorbohren mit 3 mm |
| Riffeldübel oder Winkel | 8 mm bzw. 40 x 40 mm | 4 | Aufsatz auf der Kommode fixieren |
| Möbelwinkel Wand | mindestens 40 x 40 mm | 2 | Kippsicherung der Kommode |
| Wickelauflage | mindestens 700 x 500 mm | 1 | passend zur Aufsatzgröße kaufen |
Werkzeug: Handkreissäge mit Führungsschiene oder Baumarktzuschnitt, Akkuschrauber, Holzbohrer 3 und 8 Millimeter, Dübelhilfe, Kegelsenker, Bohrmaschine mit Steinbohrer, Oberfräse mit Abrundfräser oder Raspel und Schleifklotz, Schleifpapier Körnung 120, 180 und 240, Wasserwaage, Zollstock, Schraubzwingen. Für die Oberfläche einen Lack, der als speichel- und schweißecht nach DIN 53160 gekennzeichnet ist.
Bauanleitung Schritt für Schritt
- Kommode ausmessen und prüfen. Höhe, Breite und Tiefe der Deckplatte notieren, Korpus auf Wackeln prüfen, Schubladen ausbauen und die Laufschienen kontrollieren. Erst wenn alle Punkte aus der Prüfliste erfüllt sind, geht es weiter.
- Zuschnitt kontrollieren. Alle vier Teile nachmessen. Die Rückwand ist um zweimal 18 Millimeter länger als die Grundplatte, weil sie außen über die Seitenteile greift. Ein Fehler an dieser Stelle ist später nicht mehr zu korrigieren.
- Kanten abrunden. Fräsen Sie alle sichtbaren Kanten mit einem Radius von mindestens 3 Millimetern ab, an den oberen Ecken der Seitenteile großzügiger. Ohne Oberfräse arbeiten Sie mit Raspel und Schleifklotz. Scharfe Kanten in Kopfhöhe eines liegenden Kindes sind nicht akzeptabel.
- Dübellöcher bohren. Je Verbindung vier Holzdübel von 8 Millimetern, gleichmäßig verteilt, jeweils 22 Millimeter tief. Arbeiten Sie mit einer Dübelhilfe, damit die Löcher senkrecht sitzen.
- Verleimen und verschrauben. Leim in die Dübellöcher, Teile zusammenfügen, mit Zwingen spannen und je drei Schrauben 4,5 mal 50 Millimeter setzen. Vorbohren mit 3 Millimetern, senken, damit kein Schraubenkopf hervorsteht. Kontrollieren Sie beide Diagonalen auf 2 Millimeter genau.
- Schleifen und lackieren. Körnung 120, 180, dann 240. Zwei Aufträge Lack mit Zwischenschliff, je 12 bis 24 Stunden Trocknung nach Herstellerangabe. Lassen Sie den Aufsatz danach mindestens weitere zwei Wochen bei geöffnetem Fenster auslüften, bevor ein Kind darauf liegt.
- Aufsatz auf der Kommode fixieren. Der Aufsatz darf nicht lose aufliegen. Setzen Sie vier Riffeldübel von 8 Millimetern in die Kommodendeckplatte und bohren Sie passende Sacklöcher in die Grundplatte, oder verschrauben Sie den Aufsatz mit vier Winkeln von innen. Prüfen Sie danach, ob sich der Aufsatz von Hand verschieben lässt.
- Kommode an die Wand schrauben. Zwei Möbelwinkel oben am Korpus und in die Wand. Bohrpunkte anzeichnen, mit einem Leitungssuchgerät prüfen, Dübel passend zum Wandaufbau wählen. Erst danach steht das Möbel endgültig.
- Auflage einlegen und nachmessen. Wickelauflage einsetzen und die Höhe der Seitenteile über der Liegefläche nachmessen. Es müssen mindestens 20 Zentimeter bleiben. Messen Sie außerdem die Gesamthöhe der Liegefläche über dem Fußboden nach.
- Belastungsprobe. Drücken Sie mit etwa 20 Kilogramm mittig und danach an der vorderen Kante auf die Aufsatzfläche. Nichts darf sich bewegen, knacken oder nachgeben. Wiederholen Sie die Probe mit halb ausgezogener oberster Schublade.
Kippsicherung, Schubladen und Standsicherheit
Eine Kommode kippt selten von allein. Sie kippt, wenn der Schwerpunkt nach vorn wandert, und das passiert bei ausgezogenen Schubladen. Eine volle, ganz ausgezogene Schublade auf Höhe der Deckplatte verlagert mehrere Kilogramm nach vorn. Kommt das Gewicht eines Kindes dazu, das sich an der Schublade hochzieht oder darauf tritt, kann das ganze Möbel nach vorn fallen. Kleinkinder benutzen ausgezogene Schubladen regelmäßig als Treppe.
Die Gegenmaßnahmen sind einfach und nicht verhandelbar. Zwei Winkel oder Gurte vom oberen Korpusrand in die Wand. Schubladen mit Auszugsstopp, damit sie sich nicht vollständig herausziehen lassen. Schwere Inhalte in die unteren Schubladen. Und die Kommode gehört an eine Wand, nicht frei in den Raum. Ein Platz in einer Zimmerecke ist laut kindergesundheit-info die beste Wahl, weil das Kind dann an zwei Seiten durch Wände begrenzt ist.
MerkePrüfen Sie den Abstand des Wickelplatzes zu Steckdosen, Kabeln, Heizkörpern und Fenstern. Alles, was ein Kind mit ausgestrecktem Arm erreichen kann, gehört weg. Das gilt auch für Pflegeprodukte: Cremetuben, Puderdosen und Feuchttücher müssen in Reichweite der Eltern liegen, aber außerhalb der Reichweite des Kindes.
Alte Lacke, Schadstoffe und die richtige Oberfläche
Bei gebrauchten Möbeln kommt ein Thema dazu, das bei Neuware entfällt. Blei war in Deutschland in Innenanstrichen bereits ab 1921 verboten, für alle Beschichtungen aber erst seit 1989 vollständig. Bei einer Kommode aus den 1960er oder 1970er Jahren kann unter der sichtbaren Schicht bleihaltige Farbe liegen. Solange der Lack fest sitzt und nicht abblättert, geht davon in der Regel keine akute Gefahr aus. Kritisch wird es beim Abschleifen, weil dabei bleihaltiger Staub entsteht, und beim Abblättern, weil ein Säugling später alles in den Mund nimmt.
Praktisch heißt das: Schleifen Sie alte Anstriche nur mit Maske der Klasse FFP2 oder FFP3, im Freien oder bei kräftiger Lüftung, und halten Sie Kinder und Schwangere fern. Bleitest-Streifen aus dem Baumarkt geben einen ersten Hinweis, ersetzen aber keine Laboranalyse. Wenn der Untergrund unklar ist und die Schicht abblättert, ist die ehrlichste Antwort, ein anderes Möbel zu nehmen. Ein Wickeltisch ist der falsche Ort für ein Restrisiko.
Für den neuen Anstrich gilt: Wählen Sie einen Lack, der ausdrücklich als speichel- und schweißecht nach DIN 53160 gekennzeichnet ist. Viele Hersteller nennen zusätzlich die Konformität mit EN 71-3, die die Migration bestimmter Elemente aus Spielzeugmaterial begrenzt. Lösemittelarme Systeme auf Wasserbasis sind vorzuziehen. Planen Sie die Ausdünstzeit realistisch ein, zwei Wochen bei geöffnetem Fenster sind kein Übermaß.
Verbindlich ist am Ende die Norm DIN EN 12221 für Wickeleinrichtungen für den Hausgebrauch. Sie gilt für Kinder bis 15 Kilogramm Körpergewicht und regelt unter anderem die Größe der Wickelfläche, die Höhe des Seitenschutzes und die Ausführung der Ecken. Gekaufte Wickelkommoden werden auf dieser Grundlage von Prüfinstituten wie TÜV oder GTÜ geprüft und tragen dann das GS-Zeichen. Ein selbst gebauter Aufsatz durchläuft diese Prüfung nicht. Sie übernehmen die Verantwortung dafür, dass die Maße stimmen, und Sie sollten sie deshalb nach dem Bau noch einmal nachmessen.
Wenn der Wickelplatz steht, lohnt der Blick auf die übrige Wohnung. Sobald das Kind krabbelt, verschieben sich die Gefahrenpunkte. Wie Sie Treppen absichern, steht in der Anleitung zu Treppenschutzgittern, und beim nächsten Möbelprojekt hilft die Anleitung für ein Kinderbett aus alten Paletten. Prüfen Sie die Winkel der Kippsicherung alle sechs Monate nach.
