Ein Regal an die Lehmwand schrauben klingt nach einer Viertelstunde Arbeit. In der Praxis endet der Versuch oft damit, dass der Dübel beim Anziehen der Schraube mitdreht und ein trichterförmiges Loch zurücklässt. Der Grund liegt nicht am Werkzeug. Lehm ist ein weicher, ungebrannter Baustoff, und die gesamte Technik des Spreizdübels beruht auf einem Untergrund, der Gegendruck aufbaut.

Woran erkennen Sie eine Lehmwand?
Der erste Hinweis kommt beim Anbohren. Lehmwände lassen sich ohne Schlagwerk und mit geringem Druck durchbohren, das Bohrmehl fällt braun bis ockerfarben heraus und riecht erdig. Fasern im Bohrmehl sind ein deutliches Zeichen: In Strohlehm und in Lehmbauplatten steckt gehäckseltes Stroh, teils auch Jute, Schilfrohr oder Glasfasergewebe als Armierung. Kalk- und Zementputz dagegen liefert graues, mineralisch riechendes Mehl.
Klopfen hilft ebenfalls. Massive Lehmwände klingen dumpf und satt, eine Lehmbauplatte auf Ständerwerk klingt hohl mit kurzem Nachhall. Typisch sind Lehmwände in Fachwerkhäusern, in Altbauten vor etwa 1900 und in modernen Innenwänden aus Lehmbauplatten. Wer in einem Fachwerkhaus wohnt, findet zwischen den Balken meist eine Stakung: senkrechte Holzstäbe, die mit Strohlehm umwickelt wurden. Diese Holzstäbe sind später der beste Befestigungsgrund im ganzen Gefach.
MerkeBohren Sie ein unauffälliges Probeloch hinter einem Möbelstück, bevor Sie die eigentliche Befestigung planen. Farbe und Struktur des Bohrmehls verraten in wenigen Sekunden, womit Sie es zu tun haben, und die Bohrtiefe zeigt, ob nach ein paar Zentimetern Holz oder Mauerwerk kommt.
Warum halten Spreizdübel im Lehm nicht?
Ein Spreizdübel wird beim Eindrehen der Schraube auseinandergedrückt und presst sich gegen die Bohrlochwand. Die Haltekraft entsteht aus Reibung und aus dem Widerstand des Untergrunds gegen diese Verformung. Beton, Vollziegel und Kalksandstein liefern diesen Widerstand. Lehm nicht.
Statt Gegendruck aufzubauen, gibt der Lehm nach. Der Dübel verdrängt Material, das Loch wird größer statt fester, und die Reibung sinkt genau in dem Moment, in dem sie steigen sollte. Deshalb dreht der Dübel mit oder rutscht unter Last langsam heraus. Ein zweiter Punkt kommt hinzu: Lehm arbeitet mit der Luftfeuchte, er nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab. Eine Verbindung, die allein auf Klemmwirkung beruht, lockert sich dadurch über die Jahreszeiten. Welche Dübelbauart zu welchem Untergrund gehört, zeigt der Überblick welchen Dübel für welche Wand im Vergleich.
| Befestigungsart | Eignung im Lehm | Hinweis |
|---|---|---|
| Kunststoff-Spreizdübel | ungeeignet | Lehm nimmt die Spreizkraft nicht auf, der Dübel dreht mit |
| Metall-Spreizanker | ungeeignet | Höhere Spreizkraft zerstört den Lehm zusätzlich |
| Siebhülse mit Injektionsmörtel | gut, für den Lehm die beste Lösung | Siebhülsen von 10 bis 22 Millimeter Durchmesser erhältlich |
| Lange Holzschraube in die Stakung | sehr gut, wo Holz vorhanden ist | Holz vorher orten, Vorbohren mit kleinerem Durchmesser |
| Holzleiste oder Kantholz als Lastverteiler | gut bei mehreren Befestigungspunkten | Verteilt die Last auf mehrere Anker statt auf einen |
| Gips im Bohrloch mit umwickelter Schraube | nur für sehr leichte Lasten | Altbewährtes Hausmittel für Bilder und Haken |
Welche Befestigung hält im Lehm wirklich?
- Siebhülse plus Injektionsmörtel: Die Hülse wird ins Bohrloch gesteckt und mit Verbundmörtel gefüllt. Der Mörtel tritt durch die Gitteröffnungen aus, verzahnt sich mit dem umgebenden Material und bildet nach dem Aushärten einen formschlüssigen Anker um die eingedrehte Gewindestange. Genau dafür sind Siebhülsen gedacht: für poröse, hohlraumhaltige oder brüchige Untergründe.
- Holzschraube in die Stakung: In Fachwerkgefachen steckt Holz. Wer die senkrechten Stäbe oder den Balken dahinter trifft, hat den mit Abstand tragfähigsten Punkt der Wand erwischt. Vorbohren mit einem Durchmesser unter dem Kerndurchmesser der Schraube, damit das alte, oft trockene Holz nicht spaltet.
- Lastverteilung über eine Leiste: Statt zwei Anker für ein schweres Hängeregal zu setzen, schrauben Sie eine durchgehende Holzleiste an vier oder sechs Punkten an und hängen das Regal an die Leiste. Jeder einzelne Punkt trägt dann nur einen Bruchteil.
- Durchgangsbefestigung: Bei dünnen Lehmbauplatten auf Ständerwerk führt die Schraube durch die Platte hindurch in das Ständerwerk aus Holz oder Metall. Die Platte selbst trägt dabei nichts, sie ist nur Zwischenlage.
- Gips für Kleinlasten: Bohrloch anfeuchten, mit angerührtem Gips füllen, eine mit dünnem Draht umwickelte Schraube eindrehen und vollständig aushärten lassen. Für einen Bilderhaken reicht das. Für ein Hängeschrankregal nicht.
Siebhülse und Injektionsmörtel Schritt für Schritt
- Untergrund prüfen. Klopfen Sie die Stelle ab und bohren Sie ein Probeloch. Notieren Sie, nach wie vielen Zentimetern das Bohrmehl die Farbe wechselt, das zeigt eine Holz- oder Mauerwerksschicht dahinter an.
- Ohne Schlagwerk bohren. Schlagwerk aus, niedrige Drehzahl, wenig Vorschub. Das Schlagwerk sprengt den Lehm rund um das Loch ab und macht die Befestigung wertlos, bevor sie gesetzt ist.
- Bohrloch säubern. Bohrmehl restlos ausblasen und mit einer Rundbürste auskehren. Auf loser Staubschicht bindet kein Verbundmörtel ab.
- Siebhülse einsetzen. Hülse passend zum Bohrloch wählen und bündig einschieben. Metallhülsen lassen sich auf die benötigte Länge kürzen, Kunststoffhülsen haben oft Zentrierflügel für den geraden Sitz.
- Mörtel injizieren. Die ersten Zentimeter der Kartusche verwerfen, bis die Masse gleichmäßig gemischt austritt. Dann die Hülse von hinten nach vorn blasenfrei füllen.
- Gewindestange eindrehen. Stange unter leichtem Drehen einschieben, bis überschüssiger Mörtel austritt. Überstand sofort abziehen.
- Aushärtezeit einhalten. Die Zeit steht auf der Kartusche und hängt stark von der Temperatur ab. Belasten Sie erst danach, im Zweifel warten Sie einen Tag länger.
Lehm ist nicht wasserfest. Reiner Lehm ist wasserlöslich, dauerhafte Feuchtigkeit senkt seine Festigkeit und führt zu Verwitterung. Eine Befestigung, die heute hält, kann nach einem Wasserschaden oder in einem dauerfeuchten Bereich nachgeben. Befeuchten Sie das Bohrloch deshalb nur sparsam, halten Sie Lehmwände trocken und lassen Sie Feuchteschäden an Außenwänden bauphysikalisch beurteilen, bevor Sie dort etwas anschrauben.
Wie viel Gewicht darf an eine Lehmwand?
Eine seriöse Zahl in Kilogramm lässt sich hier nicht angeben. Dübelhersteller veröffentlichen Traglasttabellen für genormte Untergründe wie Beton C20/25, Vollziegel oder Porenbeton. Lehm ist kein genormter Ankergrund in diesem Sinne, seine Festigkeit hängt vom Mischungsverhältnis, vom Alter, von der Armierung und vom Feuchtegehalt ab. Wer eine belastbare Zahl braucht, kommt an einem Auszugsversuch vor Ort nicht vorbei.
Praktisch heißt das: Bilder, Uhren und leichte Haken sind unkritisch. Hängeschränke, beladene Regale, Wandbetten, Fernsehhalterungen und Handläufe gehören in tragende Bauteile, also in Balken, Stakung oder Ständerwerk. Traglastangaben der Hersteller gelten immer für den geprüften Untergrund und lassen sich nicht auf Lehm übertragen. Bei Fachwerkhäusern kommt hinzu, dass das Gefach selbst kein tragendes Bauteil ist, es füllt nur den Raum zwischen den Balken aus. Für Absturzsicherungen, Handläufe und alles, was im Versagensfall zu einem Sturz führen kann, ziehen Sie eine Fachplanerin oder einen Fachbetrieb hinzu.
Was tun, wenn das Bohrloch schon ausgebrochen ist?
Ein ausgefranstes Loch ist kein Grund, die Stelle aufzugeben. Kratzen Sie loses Material aus, sodass eine hinterschnittene Öffnung entsteht, die innen breiter ist als außen. Befeuchten Sie den Rand leicht, damit die Reparaturmasse anbindet. Dann füllen Sie mit Lehmmörtel oder einer geeigneten Spachtelmasse und lassen vollständig durchtrocknen; die Auswahl gängiger Produkte beschreibt der Ratgeber zu Spachtelmassen und ihren Einsatzbereichen. Erst danach wird neu gebohrt, mindestens 5 Zentimeter versetzt.
Bei größeren Ausbrüchen lohnt der Umweg über ein eingemörteltes Holzklötzchen. Sie stemmen eine Tasche aus, setzen ein passendes Kantholz mit Lehmmörtel ein, lassen es aushärten und schrauben anschließend ins Holz. Das ist mehr Aufwand und dauert wegen der Trocknungszeit mehrere Tage. Dafür halten die Schrauben danach so gut wie in einem Balken. Wie Sie größere Wandschäden schließen, ohne dass die Stelle sichtbar bleibt, zeigt die Anleitung zum fachgerechten Reparieren eines Wandlochs. Bohren Sie am reparierten Punkt frühestens nach vollständiger Durchtrocknung, bei dickeren Schichten sind das mehrere Tage.
