Die Lieblingstasse hat einen Sprung, der Teller eine Kerbe am Rand. Der erste Reflex ist Kleber. Technisch geht das meistens gut, eine saubere Bruchkante hält mit Zweikomponentenkleber erstaunlich fest. Nur beantwortet das die falsche Frage. Die richtige lautet nicht, ob die Scherben wieder zusammenhalten, sondern ob Sie danach noch daraus essen sollten. Die Antwort ist in fast allen Fällen nein, und dafür gibt es drei nachvollziehbare Gründe.
Warum ist repariertes Keramikgeschirr nicht mehr lebensmittelecht?
Erstens der Klebstoff selbst. In einer geklebten Fuge liegt er nicht irgendwo im Material, sondern genau an der Oberfläche, die später Suppe, Kaffee oder Salatdressing berührt. Handelsübliche Zweikomponenten-Epoxidharze und die Harze in Kintsugi-Sets sind für diesen Kontakt weder geprüft noch zugelassen. Anbieter solcher Sets schreiben das inzwischen selbst in ihre Hinweise: Die Reparatur ist dekorativ gemeint. Säure aus Zitrone, Essig oder Tomatensauce und Hitze aus heißem Getränk oder Mikrowelle sind dabei die beiden Faktoren, die aus einem theoretischen Risiko ein praktisches machen.
Zweitens die Bruchfläche. Die Glasur ist nur eine dünne, glasige Haut auf einem porösen Körper. Sobald ein Stück bricht, liegt dieser Scherben offen. Er saugt Fett und Flüssigkeit auf wie ein Löschblatt, und aus einer solchen Zone bekommen Sie Rückstände mit Spülmittel nicht mehr heraus. Der Kleber verschließt die Fuge oberflächlich, aber nicht porentief.
Drittens die Reinigung. Ein Spülgang läuft je nach Programm zwischen etwa 45 und 70 Grad Celsius, dazu kommen alkalische Reiniger und der mechanische Druck des Sprüharms. Geklebte Fugen lösen sich unter diesen Bedingungen mit der Zeit, und wo sich der Kleber löst, entsteht ein Spalt, der bei Handwäsche unerreichbar bleibt. In der Mikrowelle kommt hinzu, dass Wasser, das in Riss oder Scherben eingezogen ist, schlagartig verdampft und das Stück sprengen kann.
Abgeplatzte Glasur an der Innenseite: aussortieren. Wenn an der Innenseite einer Tasse, einer Schüssel oder eines Tellers die Glasur abgeplatzt ist, liegt unglasierter Scherben in direktem Lebensmittelkontakt. Diese Stelle nimmt Flüssigkeit auf, lässt sich nicht mehr sicher reinigen und liegt außerdem als Schwachstelle offen für Säure und Hitze. Kleber oder Lack darüber löst das Problem nicht, sondern deckt es nur ab. Solches Geschirr gehört aus dem Gebrauch genommen.
Was ist ein Haarriss in der Glasur und warum ist er ein Problem?
Ein feines Netz aus Rissen in der Glasur heißt Craquelé, im Englischen Crazing. Es entsteht, wenn Glasur und Scherben sich beim Abkühlen unterschiedlich stark zusammenziehen, oder später durch Temperaturschocks im Gebrauch. Wichtig ist der Ort: Diese Risse sitzen nur in der Glasur, nicht im Körper. Das Stück wirkt deshalb heil und fällt nicht auseinander. Trotzdem ist die Schutzschicht durchbrochen.
Damit fallen zwei Barrieren gleichzeitig weg. Die Risse nehmen Feuchtigkeit und mit ihr Speisereste auf, und in dieser dauerfeuchten Fuge halten sich Keime, an die kein Schwamm herankommt. Die Glasur ist zugleich die Barriere gegen die Metalle, die in Scherben und Dekor stecken können. Fachliteratur zur Töpferei bewertet craqueliertes Geschirr für den Lebensmittelkontakt deshalb als nicht akzeptabel, weil Säure und Hitze an die Schichten unter der Glasur gelangen und die Freisetzung erhöhen.
Zur Größenordnung: Die Bedarfsgegenständeverordnung erlaubt bei Flachware wie Tellern eine Freisetzung von 0,8 Milligramm Blei und 0,07 Milligramm Cadmium je Quadratdezimeter. Das Bundesinstitut für Risikobewertung leitete im September 2020 deutlich strengere Werte ab, für Blei bei Flachware im ersten Freisetzungsversuch 0,01 Milligramm je Quadratdezimeter. Das liegt beim Blei um bis zu das 400fache, beim Cadmium um bis zu das 70fache unter den geltenden Grenzwerten. Alle diese Werte gelten für unbeschädigte Ware. Für ein Stück mit durchbrochener Glasur gibt es schlicht keine Prüfgrundlage.
| Schadensbild | Was dahintersteckt | Umgang |
|---|---|---|
| Sprung durch Scherben und Glasur | Wasser zieht in den Scherben, Bruchfläche liegt offen | Nicht mehr für Speisen, dekorativ weiterverwenden |
| Feines Rissnetz in der Glasur, Craquelé | Glasurbarriere durchbrochen, Keimnische, höhere Freisetzung | Aus dem Speisegebrauch nehmen |
| Abplatzung an der Innenseite | Unglasierter Scherben im Lebensmittelkontakt | Aussortieren |
| Abplatzung am Außenboden | Kein Lebensmittelkontakt, aber Wassereintritt beim Spülen | Nur Handwäsche, Zustand beobachten |
| Kerbe am Trinkrand | Scharfe Kante, Schnittgefahr an Lippe und Zunge | Aussortieren |
| Geklebte Bruchstelle | Klebstoff im direkten Kontakt mit der Speise | Dekoration, keine Mikrowelle, keine Spülmaschine |
Kintsugi: reparieren als sichtbare Naht
Kintsugi ist die japanische Methode, Bruchfugen mit Lack zu füllen und mit Metallpulver zu betonen. Das Ergebnis versteckt den Schaden nicht, sondern zeichnet ihn nach. Für den Umgang mit Geschirr ist die Unterscheidung zwischen zwei Varianten wichtig.
Die traditionelle Variante arbeitet mit Urushi, einem Naturlack aus dem Saft des Lackbaums. Er härtet nicht durch Trocknen, sondern durch Luftfeuchte in einer geschlossenen Kammer, und zwar über Wochen bis Monate in mehreren Schichten. Fachwerkstätten behandeln vollständig ausgehärtetes Urushi als lebensmittelverträglich, koppeln das aber an klare Bedingungen: nur Handwäsche, keine Spülmaschine, keine Mikrowelle, keine Temperaturen oberhalb der Siedetemperatur von Wasser. Für den Hausgebrauch ist das eine Werkstattleistung, keine Nachmittagsaufgabe. Urushi kann vor dem Aushärten zudem heftige allergische Hautreaktionen auslösen.
Die zweite Variante steckt in den Sets aus dem Handel: Zweikomponenten-Epoxidharz mit Metallpulver oder Metallicfarbe. Das ist in Stunden fertig, sieht gut aus und bleibt dekorativ. Lebensmittelecht ist es nicht, und die Metallicpigmente selbst können Blei oder Cadmium enthalten. Als Faustregel gilt: Was an einem Tag fertig ist, ist die Epoxidvariante.
Wie gehen Sie bei einer dekorativen Reparatur vor?
- Vollständig trocknen lassen. Legen Sie die Teile mindestens 24 Stunden an einen warmen Ort. Restfeuchte im Scherben verhindert, dass der Kleber hält.
- Bruchflächen entfetten. Wischen Sie die Kanten mit Isopropanol ab und fassen Sie sie danach nur noch an den glasierten Außenflächen an. Fett von den Fingern reicht, um die Verbindung zu schwächen.
- Trocken anpassen. Setzen Sie alle Teile ohne Kleber zusammen und legen Sie die Reihenfolge fest. Bei mehreren Scherben kleben Sie von innen nach außen, sonst passt das letzte Stück nicht mehr.
- Kleber dünn auftragen. Ein hauchdünner Film auf einer Seite genügt. Zu viel Kleber drückt die Fuge auf, und die Naht wird breiter als nötig.
- Fixieren und Zeit geben. Kreppband, Gummiringe oder ein Sandbett halten die Teile in Position. Die Aushärtezeit steht auf der Packung und wird eingehalten, nicht abgekürzt.
- Überstand entfernen. Angequollener Kleber lässt sich im weichen Zustand mit einem Holzstäbchen abnehmen, ausgehärtet nur noch mit der Klinge. Der Zeitpunkt dazwischen ist kurz.
- Neue Aufgabe zuweisen. Stellen Sie das Stück dorthin, wo es nicht versehentlich wieder auf dem Esstisch landet. Ein Vermerk auf dem Boden hilft in Haushalten mit mehreren Personen.
Welche Stücke gehören sofort in den Abfall?
- Trinkrand mit Kerbe: Die Bruchkante ist scharf und liegt genau dort, wo Lippe und Zunge auftreffen.
- Innenglasur abgeplatzt: Unglasierter Scherben im direkten Kontakt mit der Speise, nicht sicher zu reinigen.
- Feines Rissnetz auf der Innenseite: Braune Linien in der Glasur zeigen, dass bereits Flüssigkeit eingezogen ist.
- Unbekannte Herkunft mit farbigem Innendekor: Bei durchbrochener Glasur lässt sich nicht abschätzen, was darunter liegt.
- Früher geklebtes Stück, das wieder in Gebrauch war: Die Fuge hat Spülgänge hinter sich, der Kleber ist unterwandert.
- Stück, das in der Mikrowelle punktuell heiß wurde: Ungleichmäßige Erwärmung deutet auf Wasser im Scherben hin und ist ein Abbruchkriterium.
MerkeWenn Sie Geschirr ersetzen, wählen Sie eine Serie, die nachbestellbar ist. Einzelteile lassen sich dann ergänzen, statt dass ein Bruch das ganze Set entwertet. Worauf es bei Zusammenstellung, Größen und Material ankommt, steht im Beitrag zum Tellerset.
Was fängt man mit dem reparierten Stück an?
Es gibt genug Verwendungen ohne Lebensmittelkontakt. Eine geklebte Tasse wird zum Stiftebecher, zum Übertopf mit Untersetzer oder zum Schälchen für Schlüssel und Schmuck im Flur. Kaputte Teller lassen sich stapeln und zur Etagere aus altem Geschirr verbinden, wobei dort dann nur Verpacktes oder Dekoration liegt. Tassen ohne Henkel hängen als Blumenampel aus alten Tassen im Fenster. Bei bepflanzten Stücken bohren Sie kein Abzugsloch in geklebte Keramik, sondern legen eine Schicht Blähton als Drainage ein, weil die Bohrung die Fuge zerlegt.
Für Stücke mit Erinnerungswert lohnt der Blick auf eine Keramikwerkstatt. Eine professionelle Restaurierung kostet in aller Regel mehr, als das Geschirr wert ist, macht das Stück aber optisch wieder ganz. Auch dann bleibt die Regel bestehen: Es steht danach im Regal, nicht auf dem Tisch. Wer bewusst wieder aus einem reparierten Gefäß trinken möchte, braucht eine Urushi-Reparatur aus einer Fachwerkstatt und spült sie ausschließlich von Hand.
