Der Hängesessel aus alten Decken kursiert in Bastelvideos als Nachmittagsprojekt mit Schere, Nadel und Faden. Das ist er nicht. An diesem Möbel hängt ein Mensch, und beim Hineinsetzen wirkt kurzzeitig ein Vielfaches des Körpergewichts. Diese Anleitung baut den Sessel deshalb anders, als die Videos es zeigen: Die Decke liefert Polster, Bezug und Rückenbahn. Getragen wird über ein Sitzbrett, ein Seil mit Bruchlastangabe, zwei Karabiner und einen Anker in der Rohdecke.
Eine alte Decke ist kein Tragmittel. Für Woll-, Fleece- und Bettdecken gibt es keine geprüfte Reißfestigkeit und keine Angabe zur Restfestigkeit nach Jahren im Schrank. Mottenfraß, Lichtschäden und ausgewaschene Fasern sieht man dem Gewebe von außen nicht an. Wer sein Gewicht durch das Deckengewebe leitet, baut ein Bauteil mit unbekannter Bruchlast in den Lastweg ein. Diese Anleitung tut das bewusst nicht.
Welche Last muss die Aufhängung wirklich aushalten?
Nicht Ihr Körpergewicht. Wer sich mit 80 Kilogramm in einen Hängesessel fallen lässt, erzeugt kurzzeitig das Zwei- bis Dreifache seines statischen Gewichts als Stoßlast, also rund 160 bis 240 Kilogramm. Beim Anstoßen mit dem Fuß, beim Schaukeln und wenn sich jemand von hinten mit hineinsetzt, kommt weitere Bewegungsenergie dazu. Die verbreitete Faustregel lautet, mindestens das Doppelte des schwersten Nutzers einzuplanen. Sicherer ist es, jedes tragende Teil auf 200 Kilogramm oder mehr auszulegen und Bauteile ohne gedruckte Traglastangabe gar nicht erst zu kaufen.
Achten Sie bei Karabinern auf die Richtung der Belastung. Ein Schraubkarabiner nach EN 362 muss geschlossen und verriegelt in der Hauptachse mindestens 20 Kilonewton aushalten, handelsübliche Stahlmodelle sind mit 22 Kilonewton gekennzeichnet. Quer belastet sinkt derselbe Karabiner auf etwa 10 Kilonewton, mit offenem Schnapper auf etwa 7 Kilonewton. Ein Kilonewton entspricht rund 100 Kilogramm. Ein Karabiner, der sich beim Schaukeln verdreht und auf der Nebenachse belastet wird, verliert also mehr als die Hälfte seiner Festigkeit.
| Bauteil | Anforderung | Typischer Wert |
|---|---|---|
| Schwerlastanker in Beton | Bolzen- oder Hinterschnittanker M10, Zulassung für Beton | etwa 200 bis 400 Kilogramm Auszugskraft |
| Ringschraube im Holzbalken | M10 oder M12, Einschraubtiefe 60 bis 70 Millimeter | M12 bis etwa 700 Kilogramm |
| Schraubkarabiner | EN 362, verriegelbar, nur längs belasten | 20 bis 22 Kilonewton Hauptachse |
| Drehwirbel | mit Traglastangabe, verhindert Seildrall | mindestens 200 Kilogramm |
| Polypropylenseil 12 Millimeter | Bruchlast vom Hersteller angegeben | etwa 1800 bis 2170 Dekanewton |
| Sitzbrett | Birken-Multiplex, 18 Millimeter, vier Aufhängepunkte | ungeprüft, deshalb nicht kleiner dimensionieren |
In welche Decke darf der Haken?
Nur in tragenden Untergrund. Eine massive Stahlbetondecke ist der beste Fall, sie nimmt die punktuelle Last problemlos auf, solange der Anker richtig gesetzt ist. Der zweitbeste Fall ist ein sichtbarer Holzbalken mit mindestens 12 mal 12 Zentimetern Querschnitt. Bohren Sie dort mittig in den Balken, nicht in die Randzone und nicht in einen Riss. Liegt hinter der Verkleidung ein Balken, brauchen Sie ein Ortungsgerät und im Zweifel den Rat eines Fachbetriebs.
Gipskarton und abgehängte Decken sind ungeeignet. Die Platte ist wenige Millimeter dick, jeder Dübel reißt unter dynamischer Last aus, und die Unterkonstruktion einer abgehängten Decke ist für ihr eigenes Gewicht ausgelegt, nicht für einen schaukelnden Menschen. Wenn Sie die Rohdecke nicht erreichen, bleibt nur ein freistehendes Hängesesselgestell. Welcher Befestigungspunkt zu welchem Untergrund passt, ist im Beitrag welchen Dübel für welche Wand nach Materialien sortiert.
| Decke | Geeignet | Befestigung | Bohrer |
|---|---|---|---|
| Stahlbeton massiv | ja | Bolzen- oder Hinterschnittanker M10 bis M12 | 12 bis 14 Millimeter |
| Holzbalken ab 12 mal 12 Zentimeter | ja | Ringschraube M10 bis M12, 60 bis 70 Millimeter tief | 8 bis 10 Millimeter vorbohren |
| Balken hinter Verkleidung | nur nach Ortung | Ringschraube, Balkenmitte treffen | 8 bis 10 Millimeter vorbohren |
| Gipskarton | nein | keine | keiner |
| abgehängte Decke | nein | Gestell verwenden | keiner |
Material, Maße und Kosten
Die Stückliste ergibt einen Sessel mit 45 mal 45 Zentimeter großer Sitzfläche, einer Rückenbahn aus doppelt gelegter Decke und einem Aufhängepunkt. Die Sitzhöhe liegt bei 40 bis 45 Zentimetern über dem Boden. Rund um den Sessel bleibt ein Freiraum von einem Meter in alle Richtungen, damit niemand gegen Wand, Heizung oder Tischkante schwingt.
| Position | Menge | Maß | Kosten |
|---|---|---|---|
| Birken-Multiplex | 1 Platte | 450 x 450 x 18 Millimeter | 12 bis 20 Euro |
| Buche-Rundstab als Spreizstab | 1 Stück | 600 Millimeter, Durchmesser 30 Millimeter | 6 bis 10 Euro |
| Polypropylenseil | 8 Meter | 12 Millimeter, mit Bruchlastangabe | 15 bis 25 Euro |
| Schraubkarabiner EN 362 | 2 Stück | Stahl, verriegelbar | 12 bis 25 Euro |
| Drehwirbel | 1 Stück | mindestens 200 Kilogramm | 15 bis 25 Euro |
| Schwerlastanker mit Ringmutter | 1 Set | M10, Zulassung Beton | 8 bis 15 Euro |
| Schaumstoffplatte | 1 Stück | 450 x 450 x 50 Millimeter | 10 bis 15 Euro |
| alte Decken | 2 bis 3 Stück | Wolle oder Baumwolle, waschbar | vorhanden |
| Nähgarn und Nadel | 1 Set | Jeansgarn, Nadelstärke 100 | 5 bis 8 Euro |
- Bohrhammer: für Beton mit Bohrer 12 Millimeter und Anschlagtiefe. Eine Schlagbohrmaschine schafft alten Beton oft nur mühsam.
- Ausblaspumpe oder Staubsauger: Bohrmehl im Loch senkt die Auszugskraft eines Schwerlastankers erheblich, in Herstellerhinweisen ist von bis zu 40 Prozent die Rede. Saugen Sie drei- bis fünfmal aus.
- Drehmomentschlüssel: Bolzenanker werden mit dem vom Hersteller angegebenen Moment angezogen, nicht nach Gefühl.
- Lochsäge oder Forstnerbohrer 16 Millimeter: für die vier Seildurchführungen im Sitzbrett.
- Nähmaschine mit Jeansnadel 100: Wolldecke doppelt gelegt ist für eine Haushaltsnadel der Stärke 80 zu dick.
- Zweite Person: zum Halten beim Überkopfbohren und für den Belastungstest.
Wie bauen Sie den Sessel Schritt für Schritt?
- Decke prüfen. Ziehen Sie das Gewebe mit beiden Händen kräftig auseinander und halten Sie es gegen Licht. Dünne Stellen, Mottenlöcher und brüchige Kanten bedeuten: Diese Decke wird Polster, nicht Rückenbahn.
- Decken waschen. Waschen Sie alle Decken vor dem Zuschnitt bei der auf dem Etikett angegebenen Temperatur. Wolle läuft sonst später im fertigen Bezug ein und zieht die Nähte schief.
- Untergrund klären. Klopfen Sie die Decke ab und orten Sie Balken oder Betonkern. Bleibt Unsicherheit über den Aufbau, hört das Projekt hier auf und ein Gestell übernimmt.
- Anker setzen. Bohren Sie mit 12 Millimetern auf die vom Hersteller vorgegebene Tiefe, saugen Sie das Loch mehrfach aus, setzen Sie den Bolzenanker und ziehen Sie ihn mit dem angegebenen Drehmoment an.
- Sitzbrett zuschneiden. Sägen Sie die Multiplexplatte auf 450 mal 450 Millimeter, bohren Sie vier Löcher mit 16 Millimetern jeweils 40 Millimeter von den Ecken entfernt und runden Sie alle Kanten ab.
- Seil einziehen. Führen Sie vier gleich lange Seilstücke durch die Bohrungen und sichern Sie sie unter dem Brett mit einem Achterknoten. Jeder Knoten setzt die Bruchlast des Seils herab, deshalb ist das Seil bewusst überdimensioniert.
- Aufhängung zusammenführen. Verbinden Sie die vier Seilenden über einer Sammelschlaufe mit dem ersten Karabiner, hängen Sie den Drehwirbel ein und verbinden Sie ihn mit dem zweiten Karabiner an der Ringmutter. Schrauben Sie beide Verschlüsse zu und prüfen Sie, dass kein Karabiner quer liegt.
- Polster nähen. Nähen Sie aus doppelt gelegter Decke einen Bezug um die 50 Millimeter starke Schaumstoffplatte und setzen Sie ihn mit vier Bändern auf das Sitzbrett. Der Bezug trägt kein Gewicht, er sitzt auf dem Brett auf.
- Rückenbahn einhängen. Nähen Sie aus zwei Lagen Decke eine 60 Zentimeter breite Bahn mit umgeschlagenen Kanten und je einem Tunnel an den Seiten. Schieben Sie den Spreizstab oben ein und ziehen Sie die hinteren Seile durch die Tunnel. Die Bahn hält den Rücken, sie hält Sie nicht.
- Belastungstest. Beschweren Sie den Sitz zuerst mit etwa dem Doppelten Ihres Gewichts, zum Beispiel mit Wasserkanistern, und lassen Sie die Last zehn Minuten hängen. Danach setzen Sie sich langsam hinein, ohne sich fallen zu lassen.
MerkeEin Eigenbau ist kein geprüftes Möbel. Für Ihren Sessel gibt es keine Zahl, die jemand garantiert hat. Bleiben Sie bei einer Person bis etwa 100 Kilogramm, verbieten Sie das Hineinspringen und lassen Sie Kinder nur unter Aufsicht hinein. Der Fußboden darunter sollte weich sein, ein Teppich reicht.
Wie halten Sie Sitz und Bezug sauber?
Der Bezug kommt vom Brett und in die Maschine. Genau deshalb ist er abnehmbar konstruiert. Wolldecken waschen Sie im Wollprogramm bei 30 Grad, Baumwolldecken vertragen meist 40 Grad. Trocknen Sie flach liegend, sonst zieht sich das Gewebe in die Länge und der Bezug passt nicht mehr auf das Brett. Den Schaumstoffkern lassen Sie draußen, er saugt sich voll und trocknet tagelang.
Die Rückenbahn nehmen Sie zum Waschen ebenfalls ab, indem Sie den Spreizstab herausziehen. Kontrollieren Sie dabei die Tunnelnähte. Ausgefranste Nähte an dieser Stelle sind kein Sicherheitsproblem, weil dort kein Körpergewicht hängt, aber sie geben irgendwann nach und der Rücken sackt durch. Wenn Sie den Sessel im Sommer nach draußen hängen wollen, ist der Aufbau aus alten Bettlaken die pflegeleichtere Variante, weil Baumwolle schneller trocknet als Wolle.
Wie oft prüfen Sie die Aufhängung?
- Vor jeder Nutzung: Sichtkontrolle. Sind beide Karabinerverschlüsse zugeschraubt, liegen die Karabiner längs, sitzt der Drehwirbel gerade?
- Monatlich: Seil auf ganzer Länge durch die Hand ziehen und auf aufgeraute Stellen, Schmelzstellen und lose Fasern prüfen. Knoten nachziehen.
- Monatlich: Deckenbereich um den Anker ansehen. Feine Risse im Putz, ein Ring aus Staub oder ein sichtbarer Spalt bedeuten sofortiges Nutzungsverbot.
- Jährlich: Sitzbrett von unten prüfen. Wenn sich die Multiplexlagen an den Bohrungen öffnen, wird das Brett getauscht.
- Nach jedem Umzug: Alles neu bewerten. Der Untergrund in der neuen Wohnung ist ein anderer, auch wenn die Decke gleich aussieht.
Wenn Sie mehrere Sitzgelegenheiten dieser Art planen, etwa im Kinderzimmer, lohnt vorher der Blick in die Zusammenstellung zum Anbringen von Schaukeln und Hängesitzen im Innenbereich. Für Schaukeln zum häuslichen Gebrauch gilt in Europa die Spielzeugnorm EN 71-8, für gekauftes Wohn-Sitzmöbel die EN 12520, deren Prüfungen von Personen bis 110 Kilogramm ausgehen. Beide Normen decken einen Eigenbau nicht ab, sie zeigen aber, welche Anforderungen Hersteller erfüllen müssen.
Der Zeitaufwand liegt bei 4 bis 6 Stunden, davon rund 2 Stunden Nähen. Notieren Sie das Montagedatum mit Bleistift auf der Unterseite des Sitzbretts, dann wissen Sie beim nächsten Check, wie alt Seil und Knoten sind.
