Eine Leiter sieht harmlos aus, und genau das ist das Problem. Wer in zwei Metern Höhe das Gleichgewicht verliert, hat keine Zeit, sich zu fangen. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung registriert jedes Jahr rund 22.000 bis 23.000 Leiterunfälle im Arbeitsumfeld, etwa 11.000 davon sind Abstürze, und rund zehn enden tödlich. Diese Zahlen decken nur die versicherten Arbeitsunfälle ab. Für Privathaushalte existiert keine gleichwertige bundesweite Statistik, die Unfallmechanik ist aber dieselbe.

Welche Norm gilt für eine Haushaltsleiter?
Das hängt an der Standhöhe, also an der Höhe der obersten benutzbaren Stufe über dem Boden. Bis einschließlich 1000 Millimeter greift DIN EN 14183 für Tritte. Diese Norm hat 2003 die alte DIN 4569 abgelöst und verlangt unter anderem eine Belastbarkeit von 150 Kilogramm, rutschhemmende Stufen und Füße sowie eine Sicherung gegen unbeabsichtigtes Zusammenklappen bei klappbaren Modellen. Rolltritte dürfen nur 500 Millimeter hoch sein. Geprüfte Tritte tragen die Kennzeichnung EN 14183 zusammen mit Hersteller, Baujahr und zulässiger Last.
Alles darüber fällt unter DIN EN 131. Die Norm besteht aus mehreren Teilen und unterscheidet zwei Nutzungsklassen. Professional steht für gewerblichen und privaten Einsatz, Non-Professional ausschließlich für den privaten. Der Unterschied liegt in der Prüfhärte: Bei der Dauerhaltbarkeitsprüfung durchlaufen gewerbliche Stehleitern 50.000 Lastwechsel, Haushaltsmodelle nur 10.000. Auch die Prüflast nach DIN EN 131-2 fällt unterschiedlich aus, 2700 Newton gegenüber 2250 Newton. Das zulässige Nutzergewicht liegt in beiden Fällen üblicherweise bei 150 Kilogramm, gemeint ist damit Person plus Werkzeug plus Material.
| Bauart | Norm | Standhöhe | Oberste benutzbare Stufe | Typischer Einsatz |
|---|---|---|---|---|
| Rolltritt | DIN EN 14183 | Bis 500 Millimeter | Oberste Plattform, wenn gebremst | Oberes Schrankfach, Regal |
| Klapptritt, 2 bis 3 Stufen | DIN EN 14183 | Bis 1000 Millimeter | Oberste Stufe, wenn als Standfläche ausgewiesen | Küche, Vorratsschrank |
| Stehleiter mit Haltebügel | DIN EN 131 | Über 1000 Millimeter | Alle außer den obersten zwei Stufen | Lampen, Gardinen, Fensterrahmen |
| Stehleiter ohne Haltevorrichtung | DIN EN 131 | Über 1000 Millimeter | Nur bis zur drittobersten Stufe | Kurze Arbeiten, wenn nichts anderes da ist |
| Anlegeleiter | DIN EN 131 | Nach Länge | Alle außer den obersten drei Sprossen | Dachrinne, Fassade, siehe Fachbetrieb ab 5 Metern |
Warum ist die letzte Stufe tabu?
Weil dort die Haltemöglichkeit fehlt. Wer auf der obersten Stufe einer Stehleiter steht, hat nichts mehr, woran sich die Hand festhalten könnte, und der Körperschwerpunkt liegt oberhalb des höchsten Auflagepunkts. Eine kleine seitliche Bewegung reicht dann zum Kippen. Bei Anlegeleitern kommt hinzu, dass die Leiter oben wegrutschen kann, sobald das Gewicht in die Nähe des Endes wandert.
Die Regeln aus der Arbeitswelt sind eindeutig und lassen sich unverändert auf den Haushalt übertragen. Bei einer Stehleiter dürfen die obersten zwei Stufen nicht betreten werden, bei einer Anlegeleiter die obersten drei, bei einer Stehleiter mit aufgesetzter Schiebeleiter die obersten vier. Stehleitern ohne Haltevorrichtung sind sogar nur bis zur drittobersten Stufe freigegeben. Seit Dezember 2018 verlangt die Technische Regel für Betriebssicherheit TRBS 2121 Teil 2 zusätzlich, dass beide Füße auf derselben Stufe oder Plattform stehen und dass auf Leitern nur bis 5 Meter Standhöhe gearbeitet wird.
Ein Stuhl ist kein Leiterersatz. Ein Küchenstuhl hat eine kleine, oft gepolsterte Sitzfläche, vier eng stehende Beine und keine geprüfte Standsicherheit. Er ist nicht dafür gebaut, dass eine Person mittig darauf steht und sich seitlich streckt. Dasselbe gilt für Hocker, Kisten, Fensterbänke und den Rand der Badewanne. Wenn Sie regelmäßig an obere Schrankfächer müssen, gehört ein geprüfter Tritt in die Wohnung, nicht in den Keller. Die Bauhöhe von 500 Millimetern verschwindet neben dem Kühlschrank.
Worauf achten Sie beim Kauf?
- Kennzeichnung: Auf dem Aufkleber müssen Norm, Hersteller, Baujahr und zulässige Belastung stehen. Fehlt einer dieser Punkte, lassen Sie die Leiter stehen.
- Stufentiefe: Flache Sprossen ermüden die Füße nach wenigen Minuten. Für Arbeiten, die länger als ein paar Griffe dauern, brauchen Sie tiefe Stufen oder eine Plattform.
- Haltebügel: Ein Bügel oberhalb der obersten Stufe gibt eine Hand zum Festhalten frei und verschiebt die Grenze der benutzbaren Stufen nach oben.
- Spreizsicherung: Gurt, Kette oder Scherengelenk zwischen den Holmen. Sie muss beim Aufstellen vollständig gespannt sein, sonst spreizt die Leiter weiter auf.
- Füße: Rutschhemmende Kappen aus Gummi oder Kunststoff, unbeschädigt und nicht hart geworden. Auf frisch gewischten Fliesen entscheidet dieses Detail.
- Gewicht: Eine Leiter, die Sie nicht allein tragen können, bleibt stehen, wo sie steht, und wird dann durch den Stuhl ersetzt.
- Aufbewahrung: Hängend gelagert verzieht sich nichts und der Boden bleibt frei, siehe die Halterungen für Leitern und Klapptritte.
So stellen Sie die Leiter richtig auf
- Untergrund prüfen. Eben, fest und trocken. Teppichkanten, lose Fliesen, Laub und frisch gewischte Böden sind die häufigsten Kippursachen.
- Türen sichern. Steht die Leiter im Bereich einer Tür, schließen und verriegeln Sie sie oder stellen ein Hindernis davor.
- Vollständig aufspreizen. Beide Holme bis zum Anschlag auseinanderziehen, bis die Spreizsicherung straff ist. Eine schlaffe Kette bedeutet, dass die Leiter noch nicht in Endstellung steht.
- Alle vier Füße belasten. Vor dem Aufsteigen mit der Hand auf die oberste erlaubte Stufe drücken und prüfen, ob die Leiter wackelt. Wackelt sie, versetzen Sie sie.
- Material vorher hochreichen. Werkzeug in eine Schürze oder einen Eimer am Bügel. Beide Hände bleiben beim Aufstieg frei.
- Frontal aufsteigen. Mit dem Gesicht zur Leiter, drei Kontaktpunkte, beide Füße auf derselben Stufe. Nie seitlich hinauf.
- Nicht seitlich hinauslehnen. Die Faustregel lautet: Der Bauchnabel bleibt zwischen den Holmen. Sobald Sie darüber hinaus greifen wollen, steigen Sie ab und rücken die Leiter.
- Nach dem Gebrauch kontrollieren. Gelenke, Nieten, Spreizsicherung, Fußkappen. Beschädigte Leitern werden aussortiert, nicht geflickt.
MerkeÜber 5 Meter Standhöhe hört die Leiter als Arbeitsmittel auf. Für Dacharbeiten, Fassadenanstriche und alles, was länger als eine Viertelstunde in dieser Höhe dauert, ist ein Gerüst oder eine Arbeitsbühne das richtige Mittel. Wer eine feste Leiter an der Hauswand plant, findet die Befestigungsfragen im Beitrag über die Leitermontage an der Hauswand.
Wie oft muss ich eine Haushaltsleiter prüfen?
Im Betrieb gibt es dafür feste Prüffristen und benannte Prüfer. Privat schreibt Ihnen niemand etwas vor, sinnvoll ist trotzdem eine Sichtkontrolle vor jedem Einsatz und einmal im Jahr ein genauerer Durchgang. Achten Sie auf Haarrisse an den Nietstellen, ausgeschlagene Gelenke, verbogene Stufen, gelockerte Verbindungen und Fußkappen, die hart oder abgefahren sind. Aluminium bricht ohne Vorwarnung, sobald es an einer Stelle eingekerbt ist.
Ersatzteile gibt es bei vielen Herstellern für Fußkappen und Spreizsicherungen, und genau diese beiden Teile dürfen Sie tauschen. Alles andere, also gerissene Holme, verbogene Stufen oder ausgeleierte Scharniere, macht die Leiter zum Fall für den Wertstoffhof. Wer regelmäßig über Kopf arbeitet, etwa beim Anbringen von Oberschränken, sollte die Standfläche zusätzlich vergrößern, dazu passt der Beitrag über das Anbringen von Hängeschränken in der Küche. Notieren Sie sich das Kaufjahr mit wasserfestem Stift auf dem Holm, dann wissen Sie in acht Jahren noch, wie alt die Leiter ist.
