Wenn die Augen nachlassen, ändert sich nicht nur das Sehen. Es ändert sich, wie sicher eine Wohnung ist. Die Schwelle zum Balkon, die vorher nie aufgefallen ist, wird zur Stolperkante. Die Herdplatte, deren Kontrollleuchte man immer im Augenwinkel gesehen hat, bleibt unbemerkt an. Vieles davon lässt sich mit Licht, Farbe und Ordnung abfangen.

MerkeDieser Beitrag ist allgemeine Verbraucherinformation zur Wohnungsgestaltung und ersetzt keine ärztliche Beratung, keine Diagnose und keine Therapie. Eine neu auftretende, einseitige oder schnell zunehmende Sehverschlechterung, Lichtblitze, ein Schatten im Gesichtsfeld oder plötzliche Schmerzen am Auge sind Gründe, umgehend augenärztliche Hilfe zu suchen. Auch schleichende Veränderungen gehören abgeklärt, weil Erkrankungen wie der grüne Star lange unbemerkt bleiben. Wohnungsanpassungen sind eine Ergänzung, kein Ersatz.
Wie viel Licht brauchen ältere Augen wirklich?
Die Linse trübt sich mit den Jahren ein, die Pupille wird enger, und weniger Licht erreicht die Netzhaut. Die Fachliteratur zur Lichtplanung beziffert das unterschiedlich: Manche Quellen nennen für 60-Jährige die doppelte Lichtmenge im Vergleich zu 20-Jährigen, andere bis zum Vierfachen. Die Spannweite ist groß, die Richtung eindeutig. Wer über 60 ist, sitzt bei gleicher Lampe faktisch im Halbdunkel.
Verbindliche Beleuchtungswerte für Wohnungen gibt es nicht. Die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.4 gilt nur für Arbeitsplätze, liefert aber brauchbare Orientierungswerte, weil die Sehaufgaben dieselben sind. Für Lesen und Schreiben verlangt sie 500 Lux auf der Arbeitsfläche, für den unmittelbaren Umgebungsbereich 300 Lux, dazu einen Blendungswert UGR von höchstens 19 und einen Farbwiedergabeindex Ra von mindestens 80.
| Bereich | Richtwert ASR A3.4 (Arbeitsstätte) | Übertragung auf die Wohnung |
|---|---|---|
| Lesen, Schreiben, Handarbeit | 500 Lux | Schwenkbare Leseleuchte direkt am Sessel oder Schreibtisch, nicht nur Deckenlicht |
| Umgebungsbereich der Sehaufgabe | 300 Lux | Grundbeleuchtung im Raum, damit der Blick nicht zwischen hell und dunkel springen muss |
| Verkehrswege, Flure | 100 Lux | Durchgehende Flurbeleuchtung statt einzelner dunkler Zonen, Bewegungsmelder für den Weg zur Toilette |
| Treppen | 150 Lux | Licht von oben und unten schaltbar, Stufenkanten beleuchtet, keine Schlagschatten auf den Stufen |
| Sanitärräume | 200 Lux | Zusätzliches, blendfreies Licht seitlich vom Spiegel statt allein über dem Kopf |
Mehr Licht heißt nicht mehr Watt an einer einzigen Stelle. Eine sehr helle Deckenleuchte erzeugt starke Kontraste und blendet. Sinnvoller sind mehrere Lichtquellen, die sich einzeln schalten lassen, mit matten Schirmen und ohne freie Sicht auf das Leuchtmittel. Wie sich ein solches Konzept aufbauen lässt, beschreibt der Beitrag zur Beleuchtung in der Wohnung und ihrem Konzept im Detail.
Warum sind Kontraste wichtiger als Helligkeit?
Bei nachlassender Sehschärfe sinkt vor allem das Kontrastsehen. Ein weißer Lichtschalter auf weißer Raufaser ist auch bei 500 Lux schwer zu finden. Eine graue Treppenkante auf grauem Stein verschwindet komplett. Die Norm DIN 18040-2 für barrierefreie Wohnungen greift genau diesen Punkt auf und verlangt visuell kontrastierende Gestaltung von Bedienelementen und Orientierungshilfen.
- Treppenkanten: Jede Stufenvorderkante mit einem hellen, rutschhemmenden Streifen markieren, der sich deutlich vom Belag abhebt. Der Streifen muss über die gesamte Stufenbreite laufen, sonst wird die letzte Stufe falsch eingeschätzt.
- Lichtschalter und Steckdosen: Dunkle Schalter auf heller Wand oder umgekehrt. Schalter mit integrierter Orientierungsleuchte finden Sie auch nachts.
- Türzargen und Türgriffe: Farblich von der Wand abgesetzt. Glastüren brauchen Markierungen auf zwei Höhen, sonst laufen Sie dagegen.
- Bodenübergänge: Schwellen und Materialwechsel farblich kennzeichnen. Große, kontrastreiche Muster im Bodenbelag dagegen vermeiden, sie werden als Stufen fehlgedeutet.
- Geschirr und Arbeitsflächen: Dunkler Teller auf heller Platte, helles Schneidbrett für dunkles Gemüse. Ein Trinkglas mit farbigem Rand ist auf einer hellen Tischdecke sichtbar.
- Bedienfelder von Geräten: Tastende Markierungen aus Silikonpunkten auf den am häufigsten genutzten Tasten ersetzen Lesen durch Fühlen.
Wo lauern die Stolperfallen?
Die Zahlen sind unangenehm konkret. Nach einer Auswertung amtlicher Statistik durch die Aktion Das sichere Haus starben 2019 in Deutschland 12.436 Menschen an häuslichen Unfällen. 10.755 davon stürzten, und 9.227 der Gestürzten waren 75 Jahre oder älter. Rund 86 Prozent aller tödlichen Haushaltsunfälle sind Stürze. Schlechte Lichtverhältnisse und Stolperfallen nennt die DSH als typische Ursachen.
- Wege freiräumen. Legen Sie die Strecken Bett zu Bad, Wohnzimmer zu Küche und Wohnungstür zu Treppe fest und räumen Sie sie vollständig frei. Keine Taschen, keine Kabel, keine Schuhe.
- Teppiche sichern. Kleine Läufer und Brücken sind die häufigste Stolperkante. Entweder entfernen oder mit rutschfester Unterlage und flach auslaufender Kante fixieren. Aufgestellte Ecken sofort beheben.
- Kabel verlegen. Verlängerungen entlang der Wand führen und mit Kabelkanälen sichern. Frei quer durch den Raum gespannte Kabel gehören weg.
- Nachtbeleuchtung einrichten. Steckdosenleuchten mit Dämmerungssensor oder Bewegungsmelder auf dem Weg zum Bad. Der Lichtschalter darf nie am anderen Ende eines dunklen Flurs liegen.
- Treppe nachrüsten. Beidseitige, durchgehende Handläufe, Licht von oben und unten schaltbar, markierte Stufenkanten. Wie Sie Halterungen sicher setzen, zeigt die Anleitung zu Handlaufhaltern an der Treppe, und für die Stufen selbst gibt es eine eigene Anleitung zur Beleuchtung von Treppenstufen.
- Bad umrüsten. Haltegriffe neben Wanne und WC in die tragende Wand dübeln, nicht in Fliesen mit Hohlstellen. Rutschhemmende Matten mit Sauggrund, die täglich geprüft werden.
Was ist in der Küche und am Herd zu beachten?
Die Küche verbindet Hitze, Klingen und Wasser auf engem Raum. Bei eingeschränktem Sehen verschieben sich die Risiken. Ein Induktionsfeld bleibt an der Oberfläche deutlich kühler als eine Ceranplatte mit Strahlungsheizkörper, und die Restwärmeanzeige ist bei beiden ein kleines, oft schwach kontrastiertes Symbol. Verlassen Sie sich nicht darauf, sondern prüfen Sie mit dem Handrücken in einigen Zentimetern Abstand, ob Wärme abstrahlt.
Sinnvoll sind zwei getrennte Lichtebenen: Grundlicht an der Decke und Arbeitslicht direkt unter den Hängeschränken, das die Arbeitsplatte ausleuchtet, ohne Ihnen in die Augen zu scheinen. Wer über der Platte steht, verschattet sonst genau die Fläche, auf der geschnitten wird. Töpfe gehören mit dem Griff nach innen auf die hinteren Platten. Und ein Wasserkocher mit Abschaltautomatik ist dem Topf auf dem Herd vorzuziehen, weil er nicht überkocht.
Rauchmelder und Herdabschaltung sind Pflichtprogramm. Angebranntes Kochgut ist eine der häufigsten Brandursachen in Wohnungen. Rauchwarnmelder sind in allen Bundesländern in Schlaf- und Kinderzimmern sowie in Fluren, über die Rettungswege führen, vorgeschrieben. Die Details regeln die Landesbauordnungen unterschiedlich. Prüfen Sie die Melder monatlich mit der Testtaste. Herdabschaltungen und Küchenrauchmelder auf Wärmebasis lassen sich nachrüsten. Elektroarbeiten an der Herdanschlussdose gehören in jedem Fall in die Hand eines eingetragenen Elektrofachbetriebs, dort liegen 400 Volt an.
Welche Hilfsmittel bringen im Alltag am meisten?
Nicht jedes Hilfsmittel muss teuer sein. Sprechende Uhren und Küchenwaagen, Sprachausgabe auf dem Telefon, große Tastenaufkleber, Nadeleinfädler, Einfüllhilfen mit Signalton für die Tasse und Lupen mit eigener Beleuchtung decken einen großen Teil des Alltags ab. Auf Smartphones sind Vergrößerung, Kontrastumkehr und Vorlesefunktion bereits eingebaut und kosten nichts extra.
Bei der Beschriftung gilt: serifenlose Schrift, mindestens 18 Punkt, schwarz auf mattweiß oder weiß auf mattschwarz, keine glänzenden Folien. Glänzende Oberflächen spiegeln und machen große Schrift wieder unlesbar. Sortieren Sie Vorräte und Medikamente nach festen Plätzen, damit Sie sie über die Position und nicht über das Etikett finden.
Beratung zu Hilfsmitteln und Wohnraumanpassung bieten die Blinden- und Sehbehindertenvereine der Länder sowie die Wohnberatungsstellen der Kommunen, häufig kostenfrei und auf Wunsch bei Ihnen zu Hause. Ein konkreter erster Schritt für heute: Gehen Sie abends bei eingeschalteter Beleuchtung den Weg vom Bett zum Bad ab und markieren Sie jede Stelle, an der Sie den Boden nicht klar erkennen. Genau dort gehört zusätzliches Licht hin.
