Eine Spielzeugkiste sieht harmlos aus. Sie ist es nicht. Der Klappdeckel einer Truhe wiegt bei 18 Millimeter starkem Massivholz und 80 Zentimetern Breite mehrere Kilogramm, und er fällt auf Kopfhöhe eines knienden Kleinkinds. Genau deshalb behandelt die Spielzeugnorm DIN EN 71-1 Truhen mit Deckel als eigenen Fall mit eigenen Zahlen. Wer eine Kiste kauft, prüft am besten in dieser Reihenfolge: erst der Deckel, dann die Belüftung, dann die Spalten, erst danach Farbe und Motiv.
Welche Anforderungen stellt die Norm an den Deckel?
DIN EN 71-1 verlangt für Spielzeugtruhen mit vertikal öffnendem Klappdeckel eine Deckelhaltevorrichtung. Diese muss verhindern, dass der Deckel plötzlich zufällt. Konkret darf der Deckel unter seinem eigenen Gewicht nicht mehr als 12 Millimeter absacken. Ausgenommen ist der Bereich der letzten 50 Millimeter vor der geschlossenen Stellung beziehungsweise ein Bogen von höchstens 60 Grad aus der Schließlage heraus. Innerhalb dieses Restwegs darf der Deckel zufallen, weil dort keine Finger mehr zwischen Deckel und Zarge stehen können.
Zwei weitere Punkte der Norm werden oft übersehen. Der Haltemechanismus muss auch nach 7000 Öffnungs- und Schließvorgängen noch funktionieren. Und er darf keine Nachjustierung durch den Käufer erfordern. Ein Scharnier, das nach der Montage erst eingestellt werden muss, damit der Deckel steht, erfüllt diese Anforderung nicht. Prüfen Sie das im Laden: Deckel auf halbe Höhe anheben, loslassen, hinsehen. Er muss stehen bleiben.
Der Deckel ist die gefährlichste Baugruppe. Eine Truhe ohne Deckelhalter oder mit einem Gasdruckfeder-Set, dessen Kraft nach zwei Jahren nachlässt, gehört nicht ins Kinderzimmer. Wenn Sie unsicher sind, nehmen Sie eine Kiste ganz ohne Deckel oder eine Variante mit lose aufliegendem Deckel, der nicht mit Scharnieren am Korpus hängt. Der lose Deckel wird zur Seite geschoben und kann niemanden treffen.
Warum braucht eine Spielzeugkiste Lüftungslöcher?
Kinder klettern in Truhen. Die Norm rechnet damit. Für Spielzeug mit einem umschlossenen Volumen über 0,03 Kubikmeter, also über rund 30 Litern, fordert DIN EN 71-1 mindestens zwei unverdeckte Lüftungsöffnungen von je mindestens 650 Quadratmillimetern, die mindestens 150 Millimeter voneinander entfernt liegen. Eine übliche Spielzeugkiste mit 80 mal 40 mal 40 Zentimetern hat 128 Liter Innenvolumen. Sie liegt also deutlich über der Grenze, ohne dass irgendjemand sie als Versteck geplant hätte.
650 Quadratmillimeter entsprechen einem Kreis von knapp 29 Millimetern Durchmesser. Ein sauber gebohrtes Loch mit 30 Millimetern liegt mit rund 707 Quadratmillimetern sicher darüber. Wichtig ist das Wort unverdeckt: Ein Lüftungsloch, das hinter der Wand steht oder das durch die Kiste selbst verschlossen wird, sobald sie an der Zimmerwand steht, zählt nicht. Setzen Sie die Öffnungen deshalb in zwei gegenüberliegende Seiten oder in die Vorderfront.
Dazu kommt die Öffnungskraft. Der Deckel muss sich von innen mit einer Kraft von höchstens 50 Newton öffnen lassen. Das sind etwa 5 Kilogramm. Jeder Verschluss, jeder Magnetschnapper und jedes Schloss, das mehr verlangt, ist ein Ausschlusskriterium. Ein abschließbares Schloss hat an einer Spielzeugtruhe nichts zu suchen.
Welche Größe und welches Material sind sinnvoll?
Die Kiste soll das Spielzeug fassen, das tatsächlich herumliegt, und sie soll vom Kind selbst bedienbar sein. Bei einer Höhe über 50 Zentimetern greift ein Dreijähriger nicht mehr bis auf den Boden. Flach und breit schlägt hoch und schmal, sobald das Kind selbst aufräumen soll. Rollen unter der Kiste helfen beim Verschieben, machen die Kiste aber auch zur Rutschgefahr, wenn sich ein Kind daran hochzieht. Feststellbare Rollen lösen das.
| Bauform | Typisches Volumen | Deckel-Risiko | Geeignet ab |
|---|---|---|---|
| Offene Kiste ohne Deckel | 50 bis 90 Liter | keines | ab dem Krabbelalter |
| Kiste mit losem Auflegedeckel | 60 bis 130 Liter | gering, Deckel kann herunterfallen | etwa ab 2 Jahren |
| Truhe mit Scharnierdeckel und Deckelhalter | 100 bis 180 Liter | nur bei intaktem Halter gering | etwa ab 3 Jahren |
| Truhe mit Scharnierdeckel ohne Halter | beliebig | hoch, Klemm- und Kopfverletzung | nicht empfehlenswert |
| Stoffbox im Holzrahmen | 30 bis 60 Liter | keines | ab dem Krabbelalter |
Beim Material zählt die Oberfläche mehr als die Holzart. Massivholz, Sperrholz und MDF sind alle brauchbar, solange Kanten gebrochen und Flächen splitterfrei geschliffen sind. DIN EN 71-1 verlangt, dass Splitter an Oberflächen und zugänglichen Kanten kein unangemessenes Verletzungsrisiko darstellen. Bei einer lackierten Kiste kommt der Schadstoffteil dazu: DIN EN 71-3 begrenzt die Migration bestimmter Elemente aus Spielzeugmaterial, dazu zählen Blei, Cadmium und Chrom. Wer selbst nachstreicht, verliert diese Prüfung.
Woran erkennt man eine Klemmstelle?
Die Norm gibt dafür eine praktische Regel vor. Ein Spalt zwischen beweglichen Teilen, in den sich ein Stab von 5 Millimetern Durchmesser einführen lässt, muss auch einen Stab von 12 Millimetern aufnehmen. Der Grund ist anatomisch: Ein Spalt unter 5 Millimetern lässt keinen Kinderfinger hinein, ein Spalt über 12 Millimetern klemmt ihn nicht ein. Genau dazwischen liegt die Zone, in der der Finger hineinpasst und dann gequetscht wird.
- Deckelkante: Prüfen Sie den Spalt zwischen Deckel und Zarge im halb geöffneten Zustand, nicht nur geschlossen. Distanzstücke an den Ecken halten den Spalt bewusst über 12 Millimetern.
- Scharnierseite: Auf der Rückseite entsteht beim Schließen eine Schere. Innenliegende Topfscharniere sind hier ungünstiger als außenliegende Klavierbänder mit gleichbleibendem Spalt.
- Griffe: Ausgefräste Griffmulden sind unkritisch. Angeschraubte Metallgriffe können sich lösen und werden dann zum Kleinteil.
- Kleinteile: Für Kinder unter 36 Monaten dürfen sich keine Teile lösen, die vollständig in einen Prüfzylinder mit 31,7 Millimetern Innendurchmesser passen. Das ist der Innendurchmesser, der dem kindlichen Rachen nachgebildet ist.
- Standsicherheit: Kastenmöbel für den Wohnbereich fallen unter DIN EN 14749. Eine hohe, schmale Kiste, an der sich ein Kind hochzieht, gehört mit einem Wandanker gesichert.
Prüfung im Laden in acht Schritten
- Deckel loslassen. Heben Sie den Deckel auf halbe Höhe und lassen Sie ihn los. Er muss stehen bleiben und darf nicht mehr als eine Fingerbreite nachgeben.
- Deckel zufallen lassen. Legen Sie einen Bleistift quer auf die Zarge und schließen Sie den Deckel. Zerbricht er, ist die Bremswirkung im Endbereich zu gering.
- Lüftung zählen. Suchen Sie mindestens zwei Öffnungen von je 650 Quadratmillimetern in mindestens 150 Millimetern Abstand. Fehlen sie, bohren Sie selbst nach oder nehmen ein Modell ohne Deckel.
- Von innen öffnen. Drücken Sie den geschlossenen Deckel von unten hoch. Was Sie nur mit deutlichem Kraftaufwand schaffen, schafft ein Kind nicht.
- Spalten messen. Führen Sie einen Bleistift mit 7 bis 8 Millimetern Durchmesser in jeden Spalt ein. Wo er hineingeht und stecken bleibt, ist eine Klemmstelle.
- Kanten abtasten. Streichen Sie mit der Handfläche über alle Innenkanten. Jede Stelle, die hakt, wird später zum Splitter.
- Beschläge ziehen. Ziehen Sie kräftig an Griffen und aufgeklebter Dekoration. Was sich lösen lässt, muss den Prüfzylindertest bestehen.
- Kippen prüfen. Öffnen Sie den Deckel ganz und drücken Sie von vorn gegen die Oberkante. Kippt die leere Kiste nach hinten, braucht sie eine Wandbefestigung.
Kaufen oder selbst bauen?
Ein Selbstbau spart Geld und passt sich dem Raum an, aber er trägt kein CE-Zeichen und hat keine Prüfung durchlaufen. Die Anforderungen aus DIN EN 71-1 lassen sich dennoch nachbauen: fertige Deckelhalter aus dem Beschlaghandel, gebohrte Lüftungslöcher, Distanzklötze am Deckel. Wie das mit Obstkisten als Grundmaterial funktioniert und warum deren Klammerverbindungen nachgearbeitet werden müssen, steht in der Anleitung zur Spielzeugkiste aus Obstkisten. Für eine massivere Variante lohnt der Blick auf die Truhe aus Holzkisten.
Eine gekaufte Kiste bringt den Vorteil, dass Hersteller und Importeur für die Konformität haften. Verlangen Sie die Altersangabe und lesen Sie sie ernst. Die Kennzeichnung nicht geeignet für Kinder unter 36 Monaten ist keine Formalität, sondern die Aussage, dass ablösbare Kleinteile vorhanden sein können.
Der letzte Punkt betrifft den Standort. Stellen Sie die Kiste nicht unter ein Fenster und nicht neben ein Hochbett. Eine Truhe ist für ein Kleinkind eine Aufstiegshilfe, und ein zusätzlicher Höhengewinn von 40 Zentimetern verändert die Absturzhöhe erheblich. Ein Treppenschutzgitter im Flur nützt wenig, wenn im Zimmer eine Kletterstufe vor dem Fenster steht. Zur richtigen Montage solcher Sicherungen finden Sie Maße und Befestigungsarten in der Anleitung für Treppenschutzgitter. Messen Sie vor dem Kauf den Abstand zwischen geplantem Standort und der Fensterbrüstung.
