Um Vliestapete ranken sich zwei Missverständnisse, die einander widersprechen: Sie sei genauso mühsam abzulösen wie Raufaser, und sie müsse eingeweicht werden. Beides trifft nicht zu. Der Aufbau der Tapete ist genau darauf ausgelegt, dass sie trocken und am Stück von der Wand kommt. Wer sie einweicht, macht sich die Arbeit schwerer und riskiert Schäden am Untergrund.

Warum lässt sich Vliestapete trocken abziehen?
Vliestapete besteht aus einem Verbund von Zellstoff- und Textilfasern. Dieses Vlies ist in sich reißfest und maßhaltig, es dehnt sich beim Verarbeiten nicht und schrumpft beim Trocknen nicht. Beim Tapezieren wird der Kleister auf die Wand aufgetragen, nicht auf die Bahn. Die Tapete selbst saugt den Kleister deshalb kaum auf, und die Klebeverbindung bleibt eine Schicht zwischen Wand und Bahn.
Papiertapete und Raufaser funktionieren anders. Sie werden eingekleistert, quellen dabei auf und verbinden sich mit dem Untergrund. Beim Ablösen muss diese Verbindung durch Wasser wieder aufgeweicht werden, und selbst dann kommt die Bahn nur in Stücken herunter. Genau diesen Schritt sparen Sie bei Vlies. Die Bahn löst sich als geschlossenes Stück und hinterlässt im Idealfall eine Wand, die nur noch abgekehrt werden muss.
| Merkmal | Vliestapete | Papiertapete und Raufaser |
|---|---|---|
| Kleister beim Tapezieren | auf die Wand | auf die Bahn, mit Weichzeit |
| Verhalten bei Nässe | bleibt formstabil | quillt auf, dehnt sich |
| Entfernen | trocken, in ganzen Bahnen | einweichen, in Stücken |
| Perforieren nötig | in der Regel nein | bei überstrichenen Flächen ja |
| Aufwand für eine Wand | meist unter 30 Minuten | oft mehrere Stunden |
| Reste auf der Wand | meist nur Kleisterfilm | Papierfasern und Kleister |
MerkePrüfen Sie zuerst, welche Tapete an Ihrer Wand hängt. Lösen Sie hinter einem Schrank oder unter der Fußleiste eine Ecke an. Vlies lässt sich als zusammenhängende, textilartige Schicht abziehen und zerfällt nicht. Papier zerfasert beim Zug und wird bei einem Tropfen Wasser sofort weich. Bei mehrfach überstrichener Tapete kann eine Vliesschicht unter einer Papierschicht liegen; dann gilt die Regel für die oberste Lage.
Wie ziehe ich die Bahnen richtig ab?
- Raum vorbereiten. Möbel abrücken, Boden mit Folie oder Malervlies abdecken, Steckdosen- und Schalterabdeckungen abschrauben und die Sicherung des Raums ausschalten. Der Bereich um Auslässe ist die Stelle, an der die Bahn am ehesten reißt.
- Ecke anlösen. Setzen Sie an einer unteren Bahnkante einen Spachtel flach an und lösen Sie die Ecke so weit, dass Sie sie mit Daumen und Zeigefinger greifen können. Arbeiten Sie am Bahnstoß, nicht mittendrin.
- Mit beiden Händen greifen. Fassen Sie die Bahn an beiden unteren Ecken. So verteilt sich der Zug über die volle Breite, und die Bahn reißt nicht mittig ein.
- Gleichmäßig nach oben ziehen. Ziehen Sie langsam und ohne Ruck von unten nach oben, dabei möglichst flach an der Wand entlang und nicht senkrecht von ihr weg. Ein flacher Zugwinkel löst die Klebeschicht, ein steiler reißt das Vlies.
- Bei Widerstand nachhelfen. Bleibt eine Bahn hängen, schieben Sie den Spachtel flach zwischen Wand und Vlies und lösen den Bereich, statt fester zu ziehen.
- Reste behandeln. Bleiben Faserreste stehen, feuchten Sie nur diese Stellen leicht an und schieben sie mit dem Spachtel ab. Die ganze Wand einzuweichen ist dafür nicht nötig.
- Kleisterfilm abwaschen. Wischen Sie die Wand mit klarem Wasser und einem Schwamm ab und lassen Sie sie vollständig trocknen. Restkleister löst sich sonst unter dem neuen Anstrich an.

Wann funktioniert das trockene Abziehen nicht?
- Falscher Kleister: Wurde beim Tapezieren Dispersionskleber oder Spezialkleber für schwere Vinyltapeten verwendet, ist die Verbindung deutlich fester. Dann bleibt nur abschnittsweises Lösen mit dem Spachtel.
- Ungrundierter Untergrund: Auf einer saugenden, nicht grundierten Wand zieht der Kleister tief ein und verzahnt sich. Das Vlies kommt dann in Teilen herunter.
- Mehrfach überstrichen: Eine dicke Anstrichschicht versteift die Bahn und bildet eine geschlossene Fläche. Hier hilft es, die Bahn an den Stößen mit dem Cuttermesser aufzutrennen, damit die Farbe die Bahnen nicht mehr miteinander verbindet.
- Nicht abziehbare Sondertypen: Textiltapeten, schwere Vinyltapeten und einige Wandbeläge lassen sich nicht wie Vlies behandeln. Sie haben eine geschlossene Deckschicht und müssen abschnittsweise gelöst werden.
- Mürber Putz: Ist der Untergrund selbst nicht fest, reißt er mit heraus. Das erkennen Sie daran, dass Putzkrümel an der Rückseite der Bahn haften.
Was gilt bei Gipskartonwänden?
Gipskarton ist der empfindlichste Untergrund in diesem Zusammenhang, und hier liegt die wichtigste Einschränkung. War die Platte vor dem Tapezieren grundiert, ist die Kartonschicht durch die Grundierung geschützt, und das Vlies löst sich problemlos. Wurde nicht grundiert, klebt die Tapete direkt auf dem Karton, und beim Abziehen reißt der Karton in Fetzen mit.
Wasser ist dabei keine Lösung, sondern die zweite Falle. Zu viel Feuchtigkeit weicht die Kartonschicht auf; dringt sie bis in den Gipskern, quillt die Platte, verliert ihre Form und bleibt nach dem Trocknen rissig oder bröckelig. Setzen Sie deshalb bei Gipskarton so gut wie kein Wasser ein und arbeiten Sie mit einem breiten, flach angesetzten Spachtel.
Achtung, nicht tief einritzen. Stachelwalzen und Perforierhilfen haben auf Vliestapete nichts zu suchen, und auf Gipskarton schon gar nicht. Sie schneiden bis in den Karton und erzeugen Hunderte kleiner Verletzungen, die anschließend gespachtelt und grundiert werden müssen. Wenn Sie an einem Bahnstoß trennen wollen, führen Sie einen einzigen flachen Schnitt mit dem Cuttermesser entlang des Stoßes.
Reißt der Karton dennoch an einigen Stellen auf, ist das reparabel. Schneiden Sie lose Kartonfetzen sauber weg, grundieren Sie die offenen Stellen, damit der Gips nicht saugt, und spachteln Sie sie in zwei dünnen Lagen. Wie das im Detail abläuft, steht im Beitrag beschädigte Wände reparieren. Für einzelne Risse in einer noch stehenden Tapete gibt es zudem einen eigenen Ratgeber zu Rissen und Löchern in Tapeten.
Welches Werkzeug brauche ich wirklich?
- Breiter Spachtel: 8 bis 10 Zentimeter Klingenbreite, dünn und flexibel. Runden Sie die Ecken der Klinge mit Schleifpapier leicht ab, damit sie den Putz nicht ankratzt.
- Cuttermesser: für einen sauberen Schnitt an Bahnstößen und an der Fußleiste. Neue Klinge einsetzen, eine stumpfe reißt.
- Abdeckfolie oder Malervlies: Malervlies ist rutschfester und nimmt Feuchtigkeit auf. Folie allein wird auf glatten Böden zur Rutschstelle.
- Sprühflasche: nur für einzelne Reststellen, nicht für die Fläche. Wasser mit einem Spritzer Spülmittel reicht in der Regel aus.
- Schwamm und Eimer: zum Abwaschen des Kleisterfilms nach dem Abziehen.
- Müllsäcke: Ganze Bahnen sind sperrig. Falten Sie sie sofort zusammen, statt sie im Raum zu stapeln.
Einen Dampftapetenlöser brauchen Sie für Vlies nicht. Er ist das Werkzeug für Raufaser und mehrfach überstrichene Papiertapete. Auf Gipskarton ist er sogar schädlich, weil er genau die Feuchtigkeit einbringt, die den Karton aufweicht.

Wie geht es nach dem Abziehen weiter?
Lassen Sie die Wand nach dem Abwaschen mindestens 24 Stunden trocknen, bei kühlen Räumen länger. Prüfen Sie dann mit der flachen Hand, ob die Fläche kreidet, und mit einem Wasserspritzer, wie stark sie saugt. Beide Befunde entscheiden über die Grundierung. Eine kreidende Wand bekommt Tiefengrund, eine stark saugende zusätzlich eine Grundierung, eine dichte glatte Fläche einen Haftgrund.
Kleine Löcher und Dübelreste schließen Sie jetzt, nicht später. Danach folgt der Anstrich, für den die Reihenfolge und die Mengenrechnung im Beitrag Wohnung streichen stehen. Wenn Sie erneut tapezieren wollen, ist eine abgezogene, gespachtelte und grundierte Wand der beste Ausgangspunkt, den Sie bekommen können. Und wenn Sie diesmal selbst tapezieren: Grundieren Sie den Untergrund vorher. Damit ersparen Sie sich oder dem nächsten Bewohner in zehn Jahren genau die Arbeit, die dieser Beitrag beschreibt.
